Eine der angenehmen Seiten des Internets ist die Möglichkeit, in kürzester Zeit eine Menge von Informationen zu erhalten. So erscheint etwa auf die Eingabe »Benedikt« nach nur 35 Sekunden die Mitteilung, dass mehr als siebeneinhalb Millionen Antworten zum Abruf bereitstehen. Für »Coudrin« gibt es immerhin noch gut hundert Treffer, die meisten davon für einen gewissen Pierre, der von 1768 bis 1837 lebte und der Gründer unserer Ordensgemeinschaft ist. In diesem Zahlenverhältnis ist schon etwas Wichtiges über ihn und seine Picpus-Familie zu finden: Nicht so bekannt und berühmt wie Benedikt von Nursia, der Vater aller Ordensleute, oder wie Benedikt XVI., sind sie klein, aber nicht ohne Bedeutung.
Pierre Coudrin war das sechste von acht Kindern einer Bauernfamilie, die – mitten in Frankreich, in der freundlichen Landschaft des Poitou – in Frieden lebte, bis 1789 die Revolution losbrach. Damals studierte Pierre bereits in Poitiers und bereitete sich auf den Priesterdienst vor, nicht nur durch Bücher, sondern vor allem auch, indem er unerkannt den zum Tode auf der Guillotine Verurteilten beistand und ihnen den Trost der Liebe Gottes zusprach. Die Kirche war damals aus der Öffentlichkeit verbannt. Pierre empfing die Priesterweihe im Geheimen (Paris 1792). Die Primizmesse am Ostersonntag in seinem Heimatdorf endete mit einem Eklat: Nach dem Schlusssegen erklärt der Neupriester, weder er noch sonst jemand aus seiner Familie werde die revolutionären Bestimmungen zu kirchlichen Angelegenheiten akzeptieren. Er flieht und versteckt sich bei Verwandten.
Diese sechs Monate im Kornspeicher, einem fensterlosen Kabuff unter dem Dach, in La Motte d’Usseau machen ihn zum Ordensstifter. Jeden Tag nach Mitternacht steigt er über eine Falltreppe ins Wohnzimmer seiner Gastgeber und feiert mit ihnen die Messe. Den Tag verbringt er mit Lesen, Gebet und in der Überzeugung, dass Jesus in den Resten der Hostie bei ihm ist. »In den fünf Monaten dort habe ich mich keinen Augenblick gelangweilt«, wird er später sagen. Und eines Tages überfällt es ihn. »Ich sah damals, was wir heute sind.« Eine Gruppe von Missionaren, die »das Evangelium überall verbreiten«, und auch Frauen, die ihnen bei dieser Aufgabe helfen. Am 20. Oktober 1792 verlässt er La Motte und macht sich auf den Weg nach Poitiers, wo er als Untergrundpriester unter ständiger Todesgefahr arbeitet. Ein Kopfgeld wird auf ihn ausgesetzt. Wilhelm Hünermann hat die Abenteuer dieser Zeit in seinem Buch »Die Herrgottsschanze« (1940) spannend erzählt.
Eine Gruppe von jungen Frauen, deren geistlicher Begleiter Pierre Coudrin wird, erinnert ihn an seine »Vision« im Versteck von La Motte. Sie beten und helfen Menschen in Not. Henriette Aymer de la Chevalerie ist ihre treibende Kraft. Die höhere Tochter aus dem Landadel, die mit ihrer Mutter über ein Jahr im Gefängnis war, weil sie einen Priester versteckt hatten, wurde – geistlich gesprochen – dadurch vom Kopf auf die Füße gestellt. Mit einer unglaublichen Radikalität engagiert sie sich in dem neuen Dienst. Die eucharistische Anbetung wird für sie und die anderen zum Kraftzentrum ihres Lebens. 1797 ziehen die Frauen in das »Große Haus« in Poitiers, die Wiege der Ordensgemeinschaft. Weihnachten 1800 wird diese durch die Gelübde der beiden Stifter offiziell aus der Taufe gehoben. Pierre Coudrin gibt sich einen neuen Vornamen, der von dem Geschehnis in Bethlehem inspiriert ist: Marie-Joseph. Die Frauen sind die Lokomotive der Männer SSCC, die sich nur spärlich und später erst der neuen und neuartigen Ordensgemeinschaft anschließen, einer Kongregation, die Männer und Frauen gleichberechtigt und als eine einzige Familie vereint.
Père Marie-Joseph übernimmt wichtige Aufgaben in verschiedenen Bistümern und ermöglicht es so seiner Gemeinschaft, sich in Frankreich auszubreiten. Schulen werden eröffnet, Lehraufträge in Seminaren übernommen, Volksmissionen gehalten, um die angeschlagenen geistlichen Fundamente zu reparieren. 1826 schickt er die ersten Missionare auf die andere Seite der Welt, zu den Sandwich-Inseln, heute Hawaii.
Die Revolution hatte ihm gezeigt, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist, wenn er Gott vergisst. Deshalb schreibt er seinen Söhnen und Töchtern in die Regel: »Die Weihe an die Heiligsten Herzen Jesu und Mariens ist das Fun-dament unseres Instituts.« Oder anders gesagt: die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Und er gab auch gleich die praktische Anleitung dazu, wie man denn solches bewerkstelligen könne: »In Jesus finden wir alles; seine Geburt, sein Leben und seinen Tod: Das ist unsere Regel.« Deshalb gilt es, diesen Jesus genau zu betrachten, um ihn gut kennenzulernen, deshalb ist die Anbetung so lebenswichtig. In seinen letzten Briefen erinnert er wie in einer Litanei immer wieder an die Mahnung aus den Johannes-Briefen: »Liebt einander!«
Coudrin war ein stiller, aber wirkmächtiger Mann. Und sehr modern. Er praktizierte die Gleichberechtigung der Frauen, ließ sich sogar von ihnen führen. Er praktizierte in der Missionsarbeit, was wir heute gute Globalisierung nennen. Seine letzten verständlichen Worte waren »Valparaíso, Gambiers« – eine chilenische Hafenstadt und eine Inselgruppe im Pazifik, wo seine Missionare zuletzt angekommen waren. Und er praktizierte die sanfte Revolution von unten, die Bekehrung der Herzen – gegen die gewaltsame Veränderung der Strukturen von oben, ganz gleich mit welchen Farben und Parolen. Deshalb war er der Gute Vater, le Bon Père, und hatte gute Kinder wie Damian de Veuster, Eustáquio van Lieshout und so viele andere. Coudrin starb am 27. März 1837 im Kloster Picpus, Paris, 69 Jahre alt.