In der vorletzten Ausgabe des »Apostel« (2/2007) hat P. Felipe Félix Lazcano Hamilton SSCC über den interreligiösen Dialog in Indien berichtet. Darauf Bezug nehmend, erreichte uns folgende Frage:
Wo bleibt der Missionsauftrag der Kirche, wenn heute so viel vom Dialog mit den anderen Religionen gesprochen wird? Was hat der Dialog für einen Sinn, wenn doch die anderen Religionen einen falschen Glauben haben?
Aus der Botschaft von Papst Benedikt XVI.
zum 20. Jahrestag des Interreligiösen Treffens
in Assisi, September 2006
»Unter den bezeichnenden Aspekten des Treffens von 1986 muss hervorgehoben werden, dass dieser Wert des Gebets für den Aufbau des Friedens bezeugt wurde von Vertretern verschiedener religiöser Traditionen, und das geschah nicht aus der Ferne, sondern im Rahmen einer Begegnung. Auf diese Weise konnten die Betenden der verschiedenen Religionen in der Sprache des Zeugnisses zeigen, dass das Gebet nicht trennt, sondern vereint, und dass es ein entscheidendes Element für eine wirksame Pädagogik des Friedens ist, die auf Freundschaft, gegenseitiger Annahme und Dialog zwischen den Menschen verschiedener Kulturen und Religionen gründet. Mehr denn je brauchen wir diese Pädagogik, vor allem im Hinblick auf die jungen Generationen. Viele Jugendliche werden in den von Konflikten gezeichneten Gebieten der Welt zu Hass- und Rachegefühlen erzogen, innerhalb ideologischer Rahmenbedingungen, in denen die Keime alter Feindseligkeiten genährt und die Herzen für zukünftige Gewaltakte vorbereitet werden. Diese Barrieren müssen niedergerissen und die Begegnung gefördert werden.«
Der Auftrag Jesu, das Evangelium zu verkünden, ist auch der Auftrag der Kirche. Das ist ihr ins Stammbuch geschrieben, und zwar nicht nur als eine Aufgabe unter vielen anderen. Die Kirche hat immer und überall den Auftrag, das Evangelium zu verkünden. Ohne Mission keine Kirche.
Allerdings sind die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Mission der Kirche stattfindet, heute völlig andere als vor 200 oder 500 Jahren. Wir haben uns nicht nur von der Agrargesellschaft zu einer High-Tech-Zivilisation entwickelt, sondern auch von einer autoritären zu einer demokratischen Gesellschaft, von einer mehr oder weniger einheitlichen Kultur zu einer Vielfalt von Weltanschauungen, Meinungen und religiösen Vorstellungen. Heute hat jeder seine eigene Meinung und will selbst entscheiden, was er denkt und glaubt und wie er lebt und handelt.
In diesen Umbrüchen hat sich natürlich auch die Kirche verändert, und sie hat dabei einiges dazugelernt. So treten wir Christen heute ganz selbstverständlich für Meinungs und Religionsfreiheit ein. Im Mittelalter oder in den Zeiten der Kolonisierung war das noch ganz anders. In der Überzeugung, den richtigen Heilsweg für den Menschen zu kennen, haben die Missionare in Afrika und Südamerika versucht, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu taufen und zu Christen zu machen, um ihnen das ewige Heil zu sichern. Heute ist uns viel deutlicher bewusst, dass die Gnade Gottes nur durch die freie Entscheidung des Menschen wirksam werden kann.
Daher kann Mission nicht mehr über den Menschen hinweggehen, weder mit Gewalt noch mit Mitteln der Überredung oder Manipulation. Sie kann auch nicht davon ausgehen, dass der Glaube automatisch weitergegeben wird. In der freien und pluralistischen Gesellschaft wird man nicht mehr Christ aus Tradition oder Gewohnheit, sondern aus Einsicht und Entscheidung. Daher sieht auch Mission heute anders aus. Sie ist nicht vom Dialog ersetzt worden, sondern der Dialog ist der einzig mögliche Weg der Mission.
Hier hat die Kirche etwas neu entdeckt, was aber eigentlich immer schon zum christlichen Glauben gehörte. Schon Jesus hat auf die freie Entscheidung seiner Jünger gesetzt: »Wollt auch ihr gehen?«, fragt er sie, als sich viele von ihm abwenden.
Wir müssen akzeptieren, wenn Menschen sich anders entscheiden. Diese Toleranz bedeutet aber nicht, dass alle Meinungen gleich gültig sind und damit letztlich belanglos. Christen geben Auskunft, wenn man sie nach dem Grund ihrer Hoffnung fragt. Sie bezeugen ihren Glauben an den Gott Jesu Christi, weil sie darin den Weg zur Fülle des Lebens erkannt haben.
Wie soll man dann aber mit den Gläubigen anderer Religionen umgehen? Als Christen sind wir überzeugt, dass alle Menschen von Gott geschaffen und durch den Geist Gottes dazu »begabt« sind, eine Beziehung zu Gott aufzubauen, auch wenn dies im Islam oder im Hinduismus anders zum Ausdruck kommt als bei uns Christen. Das Zweite Vatikanische Konzil würdigt in der Erklärung über die nichtchristlichen Religionen »Nostra aetate«, was diese in einem tiefen religiösen Sinn von Gott wahrnehmen und anerkennen: »Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ›der Weg, die Wahrheit und das Leben‹ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden.«
Damit ist der Sinn des Dialogs mit anderen Religionen vorgegeben: Wir können in allen Religionen einen »Strahl der göttlichen Wahrheit« entdecken. So gibt es zum Beispiel im Hinduismus den Versuch, durch eine asketische Lebensweise, durch Meditation oder vertrauensvolle Hingabe an Gott eine Befreiung aus der Enge des irdischen Lebens zu finden. Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber ein wertvolles Element, von dem auch Christen etwas lernen können. Warum aber diese Mühe auf sich nehmen, auf andere Religionen zuzugehen? Was hat das für einen Sinn? Die Antwort auf diese Frage gab Papst Johannes Paul II.: Für ihn haben die Religionen eine gemeinsame Verpflichtung für den Frieden.
Im Jahre 1986 lud er die Vertreter verschiedener Religionen zum Gebet für den Frieden nach Assisi ein. 2006, also 20 Jahre später, nennt Papst Benedikt XVI. in einer Botschaft an den Bischof von Assisi diese Einladung eine prophetische Initiative, die unmissverständlich deutlich machte, dass die Religion nichts anderes sein kann als eine Verkünderin des Friedens. Er schreibt: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muss die Erkenntnis der Existenz Gottes (…) die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen (…). In der Tat gibt es in allen großen religiösen Traditionen Zeugnisse jener engen Verbindung, die zwischen der Beziehung zu Gott und der Ethik der Liebe besteht.«
Das gemeinsame Zeugnis der Religionen für den Frieden in Gebet und Zusammenarbeit ist mittlerweile nicht mehr nur eine Sache der Religionsführer bei feierlichen Treffen. Auch in deutschen Gemeinden und Wohnvierteln wird es mehr und mehr praktiziert, als ein kleiner, aber notwendiger und wirksamer Beitrag der Gläubigen für ein gutes Zusammenleben im eigenen Land.
P. Peter Egenolf SSCC