Der »zornige« Gott und der »liebende« Gott – wie passt das zusammen?

»In der Bibel ist oft von einem zornigen und gewalttätigen Gott die Rede. Ist das nicht eine überholte Vorstellung aus dem Alten Testament, die dem Gott der Liebe widerspricht?«

In der Bibel ist in der Tat häufig vom Zorn Gottes die Rede und auch von seiner Gewalttätigkeit. »Vor seinem Zorn erbebt die Erde«, heißt es beim Propheten Jeremia (10,10). Auch die erste in der Schrift erwähnte Gewaltaktion, die »Vertreibung aus dem Paradies«, hat ihren Urheber in Gott. Ohne Zweifel gibt es nach dem biblischen Zeugnis eine innere Beziehung zwischen dem Gott der jüdisch-christlichen Offenbarung und dem Phänomen der Gewalt. Im Gegensatz zur landläufigen Rede vom »lieben Gott« spricht allerdings nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament ohne Zögern, wiederholt und nachdrücklich vom »Zorn Gottes«.
Wohlgemerkt: Es ist dabei immer vom »Zorn« die Rede, niemals von der »Wut« Gottes. Wut ist ein gefühlsmäßiger Kurzschluss, eine primitive Reaktion im Angriff auf das, was der persönlichen Selbsterhaltung entgegensteht. Zorn hingegen meint den ethisch motivierten Protest gegen die Beeinträchtigung oder Zerstörung der Lebensordnung. In diesem Sinne kann man wirklich vom »Zorn Gottes« sprechen. Natürlich wird Gott nicht auf eine Weise zornig, wie ein Mensch zornig wird. Aber auf seine – göttliche – Weise äußert er einen heiligen Widerwillen gegen alles Böse. Was ihn zum Zorn reizt, ist dabei nicht so sehr der Widerstand gegen ihn als oberste Instanz des moralischen Gesetzes, sondern dass die Menschen den Bund ablehnen, den Gott mit ihnen geschlossen hat. Sein Zorn bringt zum Ausdruck, mit welcher Leidenschaft Gott das Heil der Menschen wirken und ihnen nahe sein will, aber auch, wie sehr es ihn im Innersten trifft, dass die Menschen sein Heil und seine Nähe zurückweisen.
Was die Bibel »Zorn Gottes« nennt, ist also keine von der Liebe Gottes losgelöste Eigenschaft, sondern die Gestalt, die seine Liebe annimmt, wenn sie zurückgestoßen wird. Der Zorn Gottes ist eine Offenbarung der Liebe Gottes und nur von dieser Liebe her zu verstehen.
Auch wenn uns die Rede vom Zorn Gottes irritiert und ärgert, sie ist der einzigartige und vielleicht sogar unersetzliche Ausdruck von etwas ungeheuer Wichtigem. Dass Gott wirklich »zornig« wird, kann uns wie nichts sonst wachrütteln aus jener Schläfrigkeit, in der wir das für selbstverständlich halten, was doch ein unbegreifliches Wunder ist: dass Gott seine Geschöpfe wirklich liebt, und nicht nur irgendwie, sondern so, wie ein Vater seine Kinder liebt und ein Bräutigam seine Braut, sodass er fortan und unbedingt nur noch das sein will, was er ohne uns gar nicht sein kann: »unser Gott« oder, wie es im Alten Testament heißt: Jahwe. Schon Augustinus wundert sich, dass Gott nicht nur uns alles bedeutet, sondern dass auch wir eine solche Bedeutung für Gott haben, dass er uns »zürnt und mit Strafe droht«, wenn wir ihn nicht lieben.

Der Gott der Bibel meint es wirklich ernst mit seiner Liebe. Er hat uns erwählt und sich entschieden, unser Gott zu sein. Er liebt uns nicht, weil er etwa schwach oder bedürftig wäre, sondern weil er als dreifaltiger Gott von innen her in sich selbst Liebe ist, die nach außen auf seine Geschöpfe hin wirksam wird. Im Gebet für die Seinen wendet sich Jesus an den Vater mit den Worten: »Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan (...), damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei (…)« (Joh 17,26)
Was das bedeutet, wird im Gleichnis vom barmherzigen Vater eindrucksvoll beschrieben. Wie überschwänglich sich der Vater bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes freut, kann nur der verstehen, der sich vorstellen kann, wie sehr der Vater während der Abwesenheit des Sohnes gelitten haben muss. Damit will Jesus uns nahebringen, wie sehr Gott leidet und traurig ist, wenn Menschen sich von ihm abwenden und in die Irre gehen, wenn Leben ruiniert wird und verkommt. Aber hat diese Herzenstrauer des Vaters nicht viel zu tun mit dem, was die Bibel meint, wenn sie vom »Zorn Gottes« spricht? Denn auch der barmherzige Vater ist kein seniler Trottel. Er nimmt den verlorenen Sohn auf, aber nicht um den Preis der Wahrheit. Er will und kann dem Sohn, der ihn verlassen hat, nicht die Erfahrung ersparen, dass er ohne den Vater der »verlorene Sohn« ist, der in der Fremde umkommt.
Daher stellt sich wirklich die Frage: Haben Trauer und Zorn nicht dieselben Wurzeln? Sind sie nicht unterschiedliche Ausdrucksweisen der einen göttlichen Liebe? Kann nicht deshalb die Schrift sagen, dass in Gott selbst Zorn und Barmherzigkeit miteinander im Streit liegen und Letztere den Sieg davonträgt (vgl. Hos 11,9; Jes 54,8ff., Ex 34,6)?
Die Offenbarung des Ineinanders von Zorn und Liebe kennt einen absoluten Höhepunkt: das Kreuz Jesu. Hier steigert sich der Widerwille Gottes gegen die Sünde bis ins Äußerste und vernichtet sie. Genau darin vollbringt auch die Liebe ihr Äußerstes. Der Vater gibt den eigenen Sohn dahin, damit der stellvertretend die Sünde der Welt auf sich nimmt und sie leidend wegnimmt. Der Zorn, der die Sünde vernichtet, ist die Liebe, die die Sünder vor der Vernichtung rettet. Im durchbohrten Herzen des Herrn treffen sich Gottes Zorn und Liebe in unüberbietbarer Weise.

Am Anfang habe ich gesagt, dass Gott nicht auf solche Weise zornig ist wie ein Mensch. Vielleicht können wir hinzufügen, dass er auf eine göttliche Weise zornig ist, weil er auch den Menschen leidenschaftlich liebt, der sich gegen Gott stellt, der Gott verliert und dabei selbst verloren geht. Dann nimmt die Urgewalt der Liebe Gottes die Form eines Zornes an, den wir für den extremen Fall, dass sich ein Mensch endgültig verweigert, »Hölle« nennen. Hoffen und beten wir, dass diese Möglichkeit nie Wirklichkeit geworden ist und nie Wirklichkeit wird.

 

P. Norbert Hoffmann SSCC

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