Was tut sich heute im religiös gestimmten kulturellen Umfeld? Neben jeder Art von Ablehnung und intellektuellem Zweifel an einer Hoffnung über den irdischen Tod hinaus entwickeln sich z. Zt. "kulturreligiöse Hoffnungs-konzepte" (Medard Kehl). Sie setzen sich zusammen aus verschiedenen religiö-sen, psychologisch-therapeutischen und esoterischen (=Geheimlehre) Sinn-vorstellungen. Diese Mischung hat sich von der christlichen Hoffnungstradition weitgehend gelöst, aber einzelne Elemente werden übernommen.
Als Christen leben wir in einer Glaubens- und Traditionsgemeinschaft, die von Anfang an von einer Vollendungshoffnung spricht: Christus hat in seinem Tod und in seiner Auferstehung die in der Geschichte von Anfang an wirkende Macht der "Sünde" im Prinzip überwunden. Damit sind wir nicht mehr unentrinnbar den Auswirkungen des Bösen ausgeliefert. Wir vertrauen als Christen darauf, dass alles Leid dieser Erde in den Wunden des Auferstandenen geborgen ist, und das läßt uns auf Versöhnung hoffen, die von uns aus unerreichbar bleibt. Moderner Fortschrittsglaube, auch im Mantel einer emanzipierten Spiritualität, trägt wohl kaum zur Humanisierung unserer modernen Lebenswelt bei. Und wer weiß denn schon, dass es immer weiter vorangeht, und welches Vollkommenheitsideal dahinter steckt.
Alles, was in der Welt existiert, auch unsere Seele, der Personkern, ist geschaffen und daher endlich und nicht göttlich. Zwischen Gott, dem Schöpfer, und uns Menschen gibt es einen unendlichen Abstand, der auch nach tausend Wiedergeburten nicht vergöttlicht werden kann.
Die traditionelle Auskunft unserer christlichen Glaubensüberlieferung sagt: Es ist die unsterbliche Seele des Menschen, die den Tod überwindet. Unser Leib fällt der Verwesung anheim, die Seele aber geht nach einem persönlichen Gericht vor Gott in die Ewigkeit ein. Diese Gedanken stammen aus dem philosophischen Denken der alten Griechen, sie sind damit allerdings noch nicht christlich. Für unser christliches Menschenverständnis ist die Seele eine ganz und gar menschliche Wirklichkeit, von Gott geschaffen; und darum ist sie auch von ihm verschieden – wie alles Geschaffene – und endlich. Wie kann sie dann unsterblich sein?
In unserer Alltagssprache verstehen wir Seele weitgehend psychologisch. Sie umfasst den weiten Bereich der Gefühle und des Gemütslebens, die Erlebnis- und Leidensfähigkeit. Sie bündelt die unterschiedlichen Kräfte im Menschen, damit Leben gelingen kann "mit Leib und Seele", "mit Herz und Hirn". Der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin sagt: Die Seele prägt und formt den Leib. Sie ist auf ihn angewiesen, sie kann sich nur durch ihn ausdrücken und verwirklichen. Diese Einheit zerbricht im Tod. Der Mensch hört damit auf, als Mensch zu existieren. Der Leib vergeht. Die Seele aber wird von Gott im Dasein gehalten. Denn sie ist einfach und unteilbar, kann darum auch nicht zerfallen. Sie gewährleistet die Identität des Menschen auch über den Tod hinaus. Sein ethisch-sittliches Handeln kann durch den Tod nicht zerstört werden.
Heute lassen wir uns wieder mehr vom biblischen Sprachgebrauch inspirieren. Seele ist nicht Teil eines Menschen, sondern der ganze Mensch ist gemeint, der mit Gott in eine hörende, antwortende und liebende Beziehung eintreten kann. Diese Fähigkeit, auf Gottes Wort und Liebe antworten zu können, ist seine "Seele". Und hier sind wir dann bei der "Unzerstörbarkeit" und "Unsterblichkeit" angekommen. Gottes Ja zu jedem Menschen, den er ins Dasein ruft, gilt so unbedingt, das absolut nichts, weder die Verschlossenheit des Menschen noch der Tod es außer Kraft setzen kann. Gott läßt keinen im Tod ins Nichts zurückfallen, seine unsterbliche Treue ist der einzige Garant für menschliche Unsterblichkeit. Nur seine Liebesbeziehung macht uns unsterblich. Unsere Seele ist nichts anderes als Ansprech- und Antwortorgan. Unter keinerlei Bedingung, auch in Schuld und Sünde, läßt Gott uns fallen. Vollendung wird uns einzig und allein auf dem Weg der Vergebung zuteil. Das geschieht bereits beim Empfang der Sakramente. In Jesus kommt Gott liebend und erbarmend auf uns zu.
Wenn wir uns das faltige, zerfurchte Gesicht eines alten Menschen anschauen, dann entdecken wir weit mehr als eine bestimmt Form von Haut, Fleisch und Knochen. Im Gesicht spiegelt sich die ganze Biographie eines Menschen wider: Freude und Leid, Ehrlichkeit und Verlogenheit, Zufriedenheit und Unzufriedenheit - seine ganze Lebensgeschichte. All das bleibt erhalten. Das kann nicht einmal Gott ungeschehen machen. Um einen solchen Leib geht es besonders auch bei der heiligen Eucharistie, in der heiligen Kommunion und bei der Auferweckung der Toten. In meiner bleibenden Verbundenheit mit meinem irdischen Leben trete ich im Tod vor den liebenden und erbarmenden Gott hin. Wenn Paulus von der Auferstehung des Leibes spricht, meint er nicht den biologisch funktionierenden Organismus. Der fällt im Tod der Verwesung anheim. Hier wird nichts mehr rückgängig gemacht, hier werden keine Organismen wieder zusammengelesen und neu belebt. In der Auferstehung schenkt Gott uns einen völlig verwandelten, vom Heiligen Geist gewirkten "pneumatischen Leib" (1. Kor 15,44). "Was gesät wird, ist verweslich; was auferweckt wird unverweslich." "Was gesät wird, ist armselig; was auferweckt wird, ist herrlich". "Was gesät wird, ist schwach; was auferweckt wird, ist stark."
Dem 1995 verstorbenen Kapuzinerpater Franz Senn verdanken wir dieses Bild von der Osterblume mit seiner persönlichen Deutung:
"Durch das Dunkel zu Licht,
vom Festhalten im Irdischen
zur Freiheit der Höhe,
von der Enge der Angst
zur Freude des auferstandenen Lichtes.
Halleluja".
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