Marie-Joseph (Pierre) Coudrin & Henriette Aymer de la Chevalerie

Die Stifter

Unter den vielen Ordensgemeinschaften der Kirche hat unsere eine Besonderheit: Sie ist eine einzige Familie aus Brüdern und Schwestern. Und sie hat ein „Elternpaar“ zu Stiftern – einen Mann, Pierre Coudrin, und eine Frau, Henriette Aymer de la Chevalerie.

Er stammte aus einem kinderreichen Bauernhaus vom Dorf, sie war die Tochter einer kleinen adeligen Familie vom Land, aus einem größeren Haus mit Landwirtschaft.

Beide lebten Ende des 18. Jahrhunderts in Poitiers, einer geschichtsreichen Stadt im Herzen Frankreichs, rund 300 km südlich von Paris. Er studierte dort Theologie, um Priester zu werden, sie war nach dem Tod des Vaters und nach dem Weggang der beiden Brüder in die Stadt gekommen und sorgte für ihre Mutter.

Die Französische Revolution schlug wie ein Blitz in ihrer beider Leben. Er musste als Diakon sein Studium abbrechen und wurde 1792 in Paris heimlich zum Priester geweiht. Weil sie in ihrer Wohnung einige Male Priester versteckt hatten, kamen Mutter und Tochter Aymer kurz darauf ins Gefängnis. Die zunächst große Revolution war in eine Schreckensherrschaft umgeschlagen. Die Guillotine schaffte Zehntausende Gegner aus der Welt.

Nachdem er bei seiner Primizfeier in Coussay-les-Bois die Religionspolitik des Regimes kritisiert hatte, musste sich Pierre Coudrin fünf Monate lang in einem winzigen Verschlag vor der Polizei verstecken und fühlte sich so sehr abgeschnitten von der Welt, dass er glaubte, er sei als einziger Priester in Frankreich übrig geblieben. Jeden Tag feierte er um Mitternacht mit seiner Gastfamilie Eucharistie und verbrachte dann den Tag in der Gegenwart Gottes. Dabei kam ihm einmal eine Vision vor Augen: eine Gruppe von Missionaren, gestützt von einer Gesellschaft von Frauen, werde sich unter seiner Führung zusammenfinden und das „Evangelium überall verbreiten“. Am 20. Oktober 1792 hielt es ihn nicht länger in seinem Versteck.

Er machte sich auf den Weg nach Poitiers, um diesem Ruf zu folgen. Er war bereit, auch sein Leben dafür einzusetzen und entwickelte eine spannende Untergrundtätigkeit, die Wilhelm Hünermann in seinem Buch „Die Herrgottsschanze“ wie einen Krimi beschrieben hat.

Derweil hatte auch Henriette Aymer, die Tochter aus gutem Hause, ihren persönlichen Umsturz erlebt. Das – wie man sie heute vielleicht beschreiben würde - lustige Partygirl wurde zu einer ernsten Mystikerin. Und wie bei ihm, so war es auch bei ihr die Eucharistie, die sie wandelte und ihr Kraft gab für den neuen, anderen Weg: Sie legte eine Lebensbeichte ab und erhielt die (damals ganz seltene) Erlaubnis, täglich zu kommunizieren. Kein Wunder also, dass die Eucharistie die Herzmitte der künftigen Ordensgemeinschaft sein würde.

Im September 1794, nach der Hinrichtung Robespierres und dem Ende des "Grande Terreur", wurde sie aus dem Gefängnis entlassen. Zurück in Poitiers schloss sie sich einer Gruppe von jungen Frauen an, die sich als "Gesellschaft des Herzens Jesu" dem Gebet und karitativen Aufgaben widmeten. Und traf dort auf ihn, der seit einiger Zeit der geistliche Leiter dieser Gruppe war. Beide wurden die Gründer einer neuen Gemeinschaft von Männern und Frauen, die den Parolen des Terrors die Botschaft der Liebe Gottes entgegensetzte. Die "Kongregation von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariens und der Ewigen Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes" wurde durch die öffentlichen Gelübde der beiden Stifter in der Weihnacht 1800 gleichsam offiziell aus der Taufe gehoben. Er war 32, sie 33 Jahre alt.

Die Anfänge

Beide sollten von da an aufs Engste zusammenarbeiten. Sie ergänzten sich gegenseitig aufs Glücklichste: Er sorgte für den nötigen Rückhalt bei Bischöfen, sie bereitete die zahlreichen Neugründungen vor, nahm sich der Dinge des täglichen Lebens an und stattete die ausziehenden Missionare und Missionarinnen aus — mit den nötigen materiellen Dingen und mit ihrer Begeisterung.

Beide waren aber vor allem große Beter. Die Zeit vor dem Tabernakel wurde ihnen nicht lang, und daraus zogen sie ihre Kraft. Nicht nur äußere Umstände bedrängten sie, als sie ihre Gründung „in großer Armut“ ins Werk setzten. Auch innere Meinungsverschiedenheiten gab es und Störungen im Zusammenleben, wie sie wohl zu jeder Familie gehören.

Schon 1827 brachten die ersten Missionare die Botschaft von der Liebe der beiden Herzen auf die andere Seite der Erdkugel: nach Hawaii, kurze Zeit später auch nach Tahiti. In Chile wurde die erste Niederlassung eröffnet, von der aus schon bald ganz Südamerika erschlossen werden sollte.

 

Henriette war die letzten fünf Jahre ihres Lebens durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt, blieb aber gleichwohl die Seele der Familie. Sie starb 1834.

Marie-Joseph überlebte sie um drei Jahre und starb mit den Namen der letzten Missionsgründungen auf den Lippen: "Gambier, Valparaíso".

 

Aus den bescheidenen Anfängen erwuchs eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die heute in 40 Ländern der ganzen Welt vertreten ist.